Texte über Jörg Böckem

"Jeder Artikel ein kleiner Entzug", Helmut Ziegler
Berliner Zeitung (27.03.2004)

"Wie führt man ein Doppelleben?", Tanja Stelzer
Tagesspiegel (14.03.2004)

"Journalist & Junkie", Beate Pinkerneil
Kulturzeit (15.03.2004)


 

Jeder Artikel ein kleiner Entzug

Der Journalist Jörg Böckem war heroinabhängig. Jetzt hat er ein Buch über seine Sucht geschrieben
Helmut Ziegler

Und?", fragt einer, "nervös?" Jörg Böckem, grinst etwas schief. "Na, klar", antwortet er dann, " was denkst du denn?" Der 38-Jährige hat Gründe, nervös zu sein. Gleich muss er auf die Bühne der Hamburger Prinzenbar und sich interviewen lassen. Ein Porträt über ihn läuft zeitgleich zu seinem Auftritt in der 3sat-Sendung "Kulturzeit". Zwei Kamerateams drehen in der Prinzenbar, im Publikum steht zudem ein Literaturredakteur des Magazins Spiegel. Und in die ARD-Talkshow "Beckmann" am 5. April ist Böckem auch schon eingeladen.
Eine ziemliche Strapaze für jemanden, der "die Öffentlichkeit hasst." Lächerlich allerdings, wenn man bedenkt, was Jörg Böckem vorher durchgestanden hat. Vor zwanzig Jahren setzte er sich seinen ersten Schuss, seit drei Jahren ist er clean. Von dieser Sucht-Karriere handelt sein Buch "Lass mich die Nacht überleben", das gerade in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist. Der Untertitel erklärt das Medieninteresse: "Mein Leben als Journalist und Junkie".
Seit den 90er Jahren arbeitet Böckem als freier Autor, vor allem für den Spiegel, aber auch für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, für die Magazine GQ, Max und andere. Er hat Björk, Janet Jackson und Brad Pitt interviewt, über die Ästhetik des Flipper-Automaten und japanische Comics geschrieben, Reportagen über Teufelsaustreibungen verfasst. Und wenn am Nachmittag eine Konferenz anstand, saß er - während die Kollegen zu Mittag aßen - auf einer Toilette im Hamburger Spiegel-Gebäude und drückte Heroin. Traf er mit der Spritze die zerstörten Venen nicht richtig, spritzte Blut an die Kacheln.
Gnadenlos gegen sich selbst
Nach der Lesung und dem Interview in der Prinzenbar sagt einer "saugute Geschichte" zu Jörg Böckem, das größte Kompliment, das in Medienkreisen zu haben ist. Er sieht das auch so - mit dem kleinen Unterschied, dass er dieses Doppelleben nicht nur aufgeschrieben hat. Er hat es auch erlebt.
Der Entschluss, sich zu outen, war ein schwieriger Prozess. Ein Auszug des Buches erschien vor einem halben Jahr im Spiegel, ohne Namensnennung. Auch die Ankündigung in der Verlagsvorschau nannte keinen Autoren. "Irgendwann aber war mir klar", sagt Jörg Böckem, "dass das Buch nur funktioniert, wenn ich rücksichtslos ehrlich bin und keine Peinlichkeit auslasse." Diejenigen, die Enthüllungen aus der Medienwelt erwarten, werden enttäuscht. Zum einen, weil Jörg Böckem meist von zu Hause aus arbeitete. Zum anderen, weil der rote Faden des Buches die Sucht ist. Gnadenlos gegen sich selbst beschreibt er die Gründe, die dazu führten. Vom Aufwachsen in der Kleinstadt Erkelenz im holländischen Grenzgebiet, von der langweiligen Welt seiner Eltern, von der Suche nach einer anderen, aufregenderen.
Er fand sie im Punk. Und im Junk. "Ich hatte der bürgerlichen Gesellschaft den Krieg erklärt", sagt er. Dass den künstlich erzeugten paradiesischen Highs reale, brutale Abstürze folgten, ist natürlich bekannt. Aber Jörg Böckem verklärt nichts, sieht sich nie als Opfer, sondern beschreibt minutiös, "wie das Heroin meine Grenzen verschob". Wie er als Speditions-Fahrer einen beinah tödlichen Unfall verursachte, weil er auf Entzug wegdämmerte. Wie er eine Freundin dazu brachte, mit ihm einen Porno-Film zu drehen, weil es schnell verdientes Geld war. Wie eine andere Freundin ein Kind bekam, er glaubte, der Vater zu sein, das Kind abgöttisch liebte, und es trotzdem mit zu seinem Dealer nahm, weil die Windeln ein perfektes Schmuggel-Versteck waren. Wie ihm schließlich eine dritte Freundin Kokain in die Halsvene injizierte, alle Sicherungen rausflogen, er nur noch zerstörerische Wut verspürte und sie fast erwürgt hätte.
Dass er zwischen all diesen Katastrophen, nach harten Entgiftungsversuchen und prompten Rückfällen, verlässlich Artikel ablieferte, grenzt an ein Wunder. Anders als Alkohol oder Kokain wirkt Heroin nicht aufputschend und vermeintlich kreativitätsfördernd, sondern dämpfend, einlullend: "Mit Heroin", sagt Jörg Böckem, "schießt man sich weg." Er musste also die Droge jedes Mal reduzieren, bevor er mit dem Schreiben beginnen konnte. Jeder Artikel war wie ein Entzug. Aber das Schreiben war für Jörg Böckem die einzige Sicherheitsleine, die "mich noch erdete". Finanziell, da er gut bezahlt wurde. Und persönlich. "Ich wollte das Schreiben nie der Droge opfern. Schreiben ordnet die Welt." Wie sehr es das tut und wie gut Jörg Böckem das kann, dafür ist das Buch ein überzeugender Beweis.
Wie es mit Jörg Böckem weiter geht, ist unklar. Er sitzt in einer Hamburger Creperie und nippt an einem Erdbeershake. Er erzählt davon, dass es natürlich ein gutes Gefühl ist, am selben Tag von "Bild" und "Stern" gelobt zu werden. Dass ihn Menschen angerufen haben, entfernte Verwandte und fast vergessene Bekannte aus einer seiner Drogentherapien, weil sie ihn im Fernsehen gesehen haben.
Er erzählt aber auch von Steuerschulden, von der Hypothek, die seine Eltern auf ihr Haus aufgenommen haben und die er jetzt in Raten abstottert. Von der Medienkrise, die sein Einkommen halbierte. Davon, notfalls wieder LKW zu fahren. Von seinem alten Dealer, der ihm seine neue Handynummer durchgeben wollte. Davon, dass es seine Mutter sei, die wahren Mut beweise, jetzt, wo das Buch auch in seiner Heimatstadt zu kaufen sei. Dass er, wenn der Medienrummel vorbei sei, in seinem alten Gymnasium lesen möchte. Und dass er das Gefühl hat, diesmal clean bleiben zu können - dass er aber auch weiß, dass er es bereits einmal fünf Jahre geschafft hatte. "Man wird sehen", sagt er gänzlich unsentimental.


Wie führt man ein Doppelleben?

Während die Kollegen zu Mittag aßen, setzte er sich einen Druck. Er war Junkie und erfolgreicher Journalist. Jetzt ist Jörg Böckem clean und hat ein Buch geschrieben. Er hat sich selbst enttarnt, und es gibt kein Zurück.

Von Tanja Stelzer, Hamburg

Es gab diese Momente ständig, in denen beinahe alles aufgeflogen wäre. Einmal fiel ihm in der Toilette beim „Spiegel“ eine Kugel Heroin runter und rollte zur Nachbarkabine. Ein anderes Mal – er war gerade zur Entgiftung – sollte er in ein anderes Büro umziehen. Eine Kollegin, die Bescheid wusste, entsorgte Löffel und Spritzen, die er in der Schreibtischschublade liegen gelassen hatte, kurz bevor die Umzugsleute mit den Kartons kamen. Immer wieder ging es gut, nicht mal der Leiter einer Klinik für Spiel- und Drogensüchtige merkte was: Bevor Jörg Böckem ihn zum Interview traf, setzte er sich noch einen kleinen Schuss, wie meistens bei solchen Gelegenheiten. Nur so viel, um klar denken zu können, keinen Schweiß auf der Stirn zu haben, keine Gliederschmerzen.

Für das Treffen hat Jörg Böckem eine Crêperie im Hamburger Stadtteil Winterhude vorgeschlagen. Nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt, die tabu ist für Pressetermine. Er bittet um Verständnis, wenigstens dieser Schutz müsse sein, wo er doch schon in seinem Buch so viel Intimes preisgebe. Jörg Böckem weiß, wie das ist mit Interviews, er führt selbst ständig welche, für „Spiegel“, „Zeit“ und andere Auftraggeber. Und er weiß, dass sein Leben eine gute Geschichte ist, „außer dass es meine ist“.

Die Ärmel seiner schwarz-grauen Kapuzenjacke hat er bis zu den Ellbogen zurückgeschoben; noch vor drei Jahren trug er Schlabberpullis, die ihm bis zu den Fingerspitzen reichten, damit niemand die Einstiche sehen konnte. Jörg Böckem, heute 38, führte jahrelang ein Doppelleben als Journalist und Junkie. Wenn er beim „Spiegel“ Redaktionsdienst hatte, fuhr er in der Mittagspause zum U-Bahnhof Jungfernstieg, kaufte sich ein Päckchen Heroin und setzte sich einen Druck, damit er den Tag durchstehen konnte. In einem anonymen Text, der im vergangenen Sommer im „Spiegel“ erschienen ist, hat er beschrieben, wie er im Rausch beinahe seine damalige Freundin erwürgt hätte. Morgen, am Montag, wird sein Buch präsentiert, mit vollem Autorennamen, in der Prinzenbar in St. Pauli werden hundert Kollegen sein, 150 vielleicht, und ihm Fragen stellen.

„Ich habe Öffentlichkeit schon immer gehasst.“ Jörg Böckem spricht mit leicht gepresster Stimme und einem kleinen sympathischen Lispeln. Einmal hat ihn seine Verschlossenheit einen Job gekostet: Bei „Max“, wo er Mediengeschichten schrieb, bat ihn der Chefredakteur, er solle mehr Insiderinformationen ranschaffen, ob er nicht häufiger zu Werberpartys gehen könne? Die Vorstellung war für ihn „blanker Horror“. Jörg Böckem versuchte, den Kontakt zu anderen Menschen so spärlich wie möglich zu halten. Er arbeitete freiberuflich und meist von zu Hause aus. Redaktionskonferenzen besuchte er nur, wenn es unumgänglich war. Musste er eine Filmkritik schreiben, ging er erst zur Pressevorführung, wenn das Licht schon aus war, und verließ das Kino, sobald der Abspann lief. Jede Berührung mit der Außenwelt barg die Gefahr, enttarnt zu werden.

Irgendwann hat er die Enttarnung selbst gesucht. Er hatte, sagt Jörg Böckem, „schon immer im Kopf“, dass seine Geschichte ein Buch werden müsse. Als er sich bei einem der wenigen Kollegen, die von seiner Sucht wussten, zu seiner letzten Therapie verabschiedete, fragte der Kollege, ob er seine Erlebnisse nicht mal für den „Spiegel“ aufschreiben wolle. Wenn ich wieder clean bin, antwortete er. Ein knappes Jahr später begann er zu schreiben. Bei der Szene, wie er beinahe zum Mörder geworden wäre, hatte er Schweißausbrüche, Herzrasen, musste den Computer ausschalten. Dann schaltete er ihn wieder ein und fasste in Worte, was passiert war: wie er eine Überdosis erwischt hatte, wie er die Augen öffnete und ein Gesicht sah, das sich über ihn beugte, wie er in Panik geriet und die Person, die ihm unbekannt vorkam, durch die Wohnung jagte, wie er sie würgte, wie er zur Besinnung kam und die Polizei abwimmelte, die vor der Tür stand, wie er am nächsten Morgen zum Interview fuhr.

Fast ein Jahr lang lag die fertige Geschichte in der Redaktion. Aus einem geplanten und immer wieder verschobenen Drogen-Dossier wurde nichts; dann kam der Friedman-Skandal. Da ging es um Koks, um Menschen, die Drogen nehmen, um kreativ zu sein oder sich wenigstens so zu fühlen. Ein Phänomen dieser Zeit, Jörg Böckems Drogenberater kennt einige dieser Leute: erfolgreiche Menschen aus dem Marketing, der Werbung, den Medien. Aber ein erfolgreicher Junkie, das gibt es eigentlich gar nicht. Jörg Böckem spritzte sich Heroin, und Heroin lullt zu sehr ein, als dass man unter dem Einfluss arbeiten könnte. Wenn Jörg Böckem schrieb, war er so nüchtern, wie es eben ging.

Koks oder Heroin, egal, auf einmal passte das Thema Drogen ins Blatt. Das war der Anfang vom Ende des Doppellebens. Und wer nun Jörg Böckem gegenübersitzt, hofft, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, dass er aushält, was jetzt auf ihn zukommt.

Die „Spiegel“-Geschichte, sagt er, war der Testballon, noch ohne Autorenname, weil er nicht wusste, was passieren würde. Das Echo war enorm. Der Text war Kantinenthema; die Kollegen rätselten, wer unter ihnen der Junkie sein mochte. Einer sprach ihn an, ob er der Autor sei. Aber es gab keine Verachtung, keine Häme, nur einen Leserbrief, der ihn eher amüsierte: „Geh doch arbeiten, oder bist du zu viel auf Schwulenpartys?“ Ein weiterer Brief stammte von einer Mutter, deren Sohn im Jahr zuvor an einer Überdosis gestorben war. Sie bedankte sich; nun könne sie sich besser vorstellen, wie es ihrem Sohn in den letzten Monaten seines Lebens gegangen sei. Außerdem meldete sich die Deutsche Verlagsanstalt: Ob er nicht ein Buch schreiben wolle. Vier Monate hat er daran gearbeitet, es heißt „Lass mich die Nacht überleben“. Die Geschichte von 24 Jahren Drogenexzessen, Abstürzen und Rettungen, Sex, Punk, Rebellion.

Das Schreiben war keineswegs nur Schmerz. Die Kapitel über die ersten Jahre, als er silberne Leggins trug und in der Innentasche seiner Lederjacke eine Ratte spazieren trug, als die Sucht noch ein großes Abenteuer war und die Mädchen leicht ins Bett zu bekommen waren – es machte gute Laune, die Zeit, in der alles anfing, in die Erinnerung zurückzuholen. Die Zeit, in der er sich unsterblich fühlte. „Es gab gute Gründe für mich, Drogen zu nehmen.“ Jörg Böckem bereut den Tod vieler Junkie-Freunde, er bereut das Leid, das er seinen Eltern angetan hat, aber nicht die Zeit, die er mit der Droge verbracht hat.

Wild und maßlos

Wie er dasitzt im Café, an seinem Mineralwasser nippt und die Worte wiegt, mag man kaum glauben, dass es sich um den Menschen aus dieser Geschichte handelt. Das Buch unter dem richtigen Namen erscheinen zu lassen, sei eine „schwierige und lange Entscheidung“ gewesen, sagt Jörg Böckem. Seine Eltern hätten es lieber gesehen, wenn er unter Pseudonym geschrieben hätte. Sie haben viel Energie darauf verwendet, Freunde und Nachbarn nicht merken zu lassen, welchen Weg ihr Sohn eingeschlagen hatte. „Meine Mutter leidet noch immer sehr an der Erinnerung.“ Es war schwer, sie darauf vorzubereiten, aber sie hat seine Wahl akzeptiert. Er wollte dieses Buch.

Böckem hat beruflich zwei schwierige Jahre hinter sich. In der Wirtschaftskrise gab es drastisch weniger Aufträge. Er fragte sich, ob er mit einem Outing einen weiteren Rückgang riskieren würde. Vielleicht würde er als unzuverlässig gelten. Dann siegte die Überlegung, wenn ihm ein gutes Buch gelänge, könnte sich seine Marktposition festigen.

Es ist diese Distanz zu sich selbst, die auch an seinem Buch beeindruckt. Er beschreibt den Hass auf seine Mutter, die es doch nur gut meinte, ihn nicht in den Kindergarten schickte, weil sie ihren Jungen nicht in fremde Hände geben wollte, die ihn mit ihrer Liebe erdrückte. Er rebellierte gegen das wohlgeordnete, enge Leben der Eltern in einem Ort nahe der niederländischen Grenze, wo es ein Neubaugebiet gab mit Doppelgaragen und Partykellern. Der Leser erfährt, wie die Suche nach dem wilden, maßlosen Leben ihn in eine ganz andere Enge trieb: eine Zelle im Amsterdamer Polizeipräsidium, wo er hörte, wie der Häftling nebenan abwechselnd würgte und nach Methadon schrie, das Abendessen kam um 16 Uhr 30, um 20 Uhr ging das Licht aus. Böckem war mit LSD, Kokain und Heroin im Gepäck geschnappt worden. Und dann schildert er minutiös, wie er sich als 20-Jähriger mit einer Freundin als Pornodarsteller versuchte und scheiterte.

Schreiben als Rettung

Wozu entblößt sich einer so? Er hat lange überlegt, sagt Jörg Böckem, ob er die Pornogeschichte weglassen sollte, aber sein Buch sollte ehrlich sein, authentisch. Vielleicht hat die radikale Offenheit, mit der er über seine Exzesse schreibt und redet, damit zu tun, dass er all das unzählige Male in Therapiesitzungen hin und her gewendet hat. Er hat seine Therapien immer sehr ernst genommen, sagt er. Nur so hatte er eine Chance.

Es hat tatsächlich funktioniert. Nach seiner ersten Therapie zog Jörg Böckem nach Hamburg, in eine Wohngemeinschaft von Ex-Junkies, und fand mit einem Praktikum bei der Zeitschrift „Tempo“ den Einstieg in den Journalismus, der immer sein Traumberuf gewesen war. Die „Tempo“-Kollegen wussten von seiner Vergangenheit, auch Chefredakteur Michael Jürgs, der sich heute erinnert, Böckem sei unglaublich schüchtern gewesen, „ein verängstigter Mensch, der immer dachte, es geht ihm an den Kragen“. Jürgs gab ihm einen Auftrag und sagte: Wenn der Text gut wird, bekommst du ein Volontariat. „Das Schreiben war seine Rettung vor der Sucht“, sagt Michael Jürgs, „und er hat es geschafft.“ Jörg Böckem bekam die Volontärsstelle; danach arbeitete er für die renommiertesten Auftraggeber. Er war zuerst sehr stolz und bald sehr gelangweilt. Nach einem etwas zu harmonischen Silvesterabend mit Freunden und ohne Drogen konnte er es nicht mehr ertragen: „Ich fühlte mich älter, als ich je werden wollte.“ Am Neujahrsmorgen fuhr er zum Hauptbahnhof. Er war 29 und wieder drauf, nach fünf Jahren.

Als er das erste Mal Heroin nahm, war es, als hätte er auf der Suche nach der großen Liebe endlich die Richtige gefunden. Die Droge Heroin, findet er, hat tatsächlich etwas von einer Frau: Sie packt in Watte, sie behütet, nimmt alle Schmerzen, alle Angst. Heroinabhängige, sagt Jörg Böckem, suchen Schutz. Nur ist Heroin eine Frau, mit der man auf Dauer keine Beziehung führen kann, weil sie zu vereinnahmend ist. Die Sorte, mit der man den Kontakt abbricht, wenn es vorbei ist. Der Satz „Wir können Freunde bleiben“, an den Jörg Böckem sowieso nicht glaubt, funktioniert beim Heroin erst recht nicht.

In den letzten Jahren war die Sucht nur noch Leiden. Sein Körper wollte ständig mit der Droge gefüttert werden, und er wurde immer gefräßiger. Um seinen Heroinverbrauch zu finanzieren, versetzte Jörg Böckem seine CD-Sammlung. Seine Texte schrieb er immer häufiger vom Krankenhaus aus, wenn er wieder mal entgiftete. War er wieder drauf und musste zum Interviewtermin fliegen, kam ein verspätetes Flugzeug einer Katastrophe gleich. In diesen Rückfall-Phasen schrieb er nur extreme Geschichten: Reportagen über Teufelsaustreibungen, über Cage Fights in Holland, Kämpfe ohne Regeln.

Dass ihn seine Freunde in all der Zeit nicht fallen ließen, „hat mir den Arsch gerettet“, sagt Jörg Böckem. In der Drogentherapie der 80er Jahre habe es geheißen, man müsse einen Süchtigen fallen lassen, er müsse in der Gosse landen, sonst höre er nie auf. Zum Glück, findet Jörg Böckem, haben seine Freunde sich nicht daran gehalten. Während der Wartezeit auf einen Therapieplatz, als er nicht mehr genug arbeiten konnte und kurz davor stand, seine Wohnung zu verlieren, lieh ihm eine Kollegin 1500 Mark. Eine andere ließ ihn bei sich wohnen, als er es zu Hause nicht mehr aushielt, und führte für ihn die Interviews, für die er keine Kraft mehr hatte. Seine Freunde, sagt Jörg Böckem, blieben sein letzter Anker, „sie haben mein Leben gerettet“.

Der Anruf des Dealers

Er ist clean, seit drei Jahren. Die Angst vor dem Erwachsensein, die ihn in die Drogensucht getrieben hat, ist weg, „ich stehe nicht mehr unter Erlebensdruck.“ Er sagt, er genießt das Gefühl, älter geworden zu sein, er kann Abende vor dem Fernseher verbringen, mit Freunden essen, „und um eins bin ich müde“. Einen Rückfall kann man nie ausschließen, Jörg Böckem ist da realistisch: „Mich hat nie etwas davon abgehalten, rückfällig zu werden, nicht das Geld, nicht der Job.“ Doch nachdem er das Buch geschrieben hat, weiß er, dass es nie wieder möglich sein wird, gleichzeitig Drogen zu nehmen und weiterzuarbeiten. „Ich schlage damit eine Tür zu.“ Das ist ein gefährliches Experiment.

Für die „Zeit“-Rubrik „Ich habe einen Traum“ hat Jörg Böckem häufig Prominente interviewt. Er sei immer erstaunt gewesen, dass seine Gesprächspartner tatsächlich Träume gehabt hätten, er selbst hatte nie welche, auch heute nicht, allenfalls einen, der für keine Geschichte taugen würde: mit seiner Freundin in einer schönen Wohnung zu wohnen, mit ihr Kinder zu haben und von seiner Hepatitis C geheilt zu werden.

Vor ein paar Tagen hat sein alter Dealer angerufen. Er wollte die neue Handynummer durchgeben, für den Fall, dass sein alter Kunde doch mal wieder draufkommt. Jörg Böckem hat gesagt: Nein, ich brauche die Nummer nicht.


Journalist & Junkie

Beate Pinkerneil in Kulturzeit vom 15.03.2004 

Jörg Böckem über sein Leben zwischen Karriere und Drogen

Er ist Journalist, schreibt seit den 90ern für die renommiertesten deutschen Zeitungen und Magazine - und er ist Junkie. Mit 19 Jahren bringt seine Heroinsucht Jörg Böckem zum ersten Mal ins Gefängnis, mit 33 versucht er ein Leben mit der Sucht. Seit drei Jahren ist er clean. Nun erzählt er aus seinem Leben zwischen Karriere und Koma, Party und Porno-Dreh, Verzückung und Verzweiflung.

"Ich hab extreme Erfahrungen gemacht, ich war kriminalisiert, ich hab meine Gesundheit und mein Leben riskiert. Heroin, das ist eine sehr drastische Droge", sagt Jörg Böckem. In seinem Buch "Lass mich die Nacht überleben" schreibt er:

"Mein Interesse an Sex und Zärtlichkeit war erloschen, Geborgenheit suchte ich beim Heroin. Mein Körper war eine Maschine, die nur mit dem richtigen Treibstoff funktionierte und ständig kurz davor stand, den Betrieb einzustellen. Ich wartete, dass der Tag endlich zu Ende ging, dass alles endlich zu Ende ging. Ich hatte mein Leben gründlich an die Wand gefahren."

Hunger nach Revolte und Anderssein

Jörg Böckems journalistische Arbeit ist das einzige Reservat außerhalb der Droge. Er schreibt für den "Spiegel", die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit". Sein Schreiben ist teils ein Ersatzrausch. Er schafft ihn nur, wenn er halbwegs clean ist. Mit 15 Jahren beginnt sein Doppelleben zwischen Rausch und Alltag. Anfangs sind es Hasch und LSD. Sie stillen seinen Erfahrungshunger nach Revolte und Anderssein. Er will raus aus der bürgerlichen Welt der Eltern, rein in die fremde Welt jenseits des Asphalts, wo Drogen und Sex auf ihn warten, im Dauerrausch.

Wenn Jörg 36 Stunden auf LSD ist, fühlt sich nichts mehr so an wie früher. So ungefähr stellt er sich das Paradies vor. Die Schwärze unter seinen Lidern füllt sich mit gigantischen Farben. Beim halluzinogenen Rausch durch Haschisch und LSD werden die Sinnneswahrnehmungen extrem verstärkt und anders verknüpft, sagt Jörg Böckem. "Farben und Töne werden anders spürbar, auf andere Weise erlebbar. Ich kann Musik auf meinem Körper spüren."

Die Erfahrungen von Zeit und Raum entgrenzen sich, wie beim Sex: das Gefühl eines freien Falls ohne Aufprall, enorm intensiv, fast olympisch, wenn die Dröhnung perfekt ist. Junk und Punk, das ist die Radikalität der Verweigerung bürgerlicher Normen. Jörg ist 18 und ein guter Schüler, als er die Königsdroge Heroin entdeckt und sich den ersten Druck setzt. Heroin ist gefährlicher, verwegener, wilder - und hat ganz eigene Rituale: Aufkochen des Pulvers, Aufziehen der Spritze, Abbinden des Arms, Reinrammen der Nadel. Ein Kick, der ihm die Angst vorm Leben und dem Erwachsenwerden nimmt. Der Rausch schfft ein Gefühl von Gemeinschaft mit den Junkie-Freunden und der Heimat.

In Watte gepackt

"Für mich war Heroin immer die Droge, die die meiste Kraft, die meiste Verführung und das meiste Suchtpotential beinhaltet", sagt Böckem. "Heroin schützt gegen jede Form von Schmerz. Man wird in Watte gepackt, emotional, psychisch, körperlich. Man ist belastbar in jeder Hinsicht, nichts erreicht einen mehr wirklich. Heroin befriedigt alle Bedürfnisse, die man hat, zumindest anfangs." Nach einer Nacht auf Droge fühlt er sich ausgesaugt, Flimmern und Rauschen im Gehirn, sein schmächtiger Körper scheint Tonnen zu wiegen. Ein Zustand, der die Gier nach dem nächsten Druck steigert. Böckem ist hochgradig abhängig und weiß es nur noch nicht. Er glaubte noch jeden Tag damit aufhören zu können: "Entzugserscheinungen sind eh nur was für Weicheier."

Mit 19 - und kurz vor dem mündlichen Abitur - sitzt er plötzlich wegen Dealerei im Knast, kommt aber frei. Er hat die Kontrolle über sich, sein Leben und seine Sucht völlig verloren. In seinem Buch hält er fest:

"Mein Körper stand in Flammen. Meinem Verstand ging es noch schlechter. Nachdem die Taubheit der Droge verflogen war, hatten mich nackte Angst und bodenlose Depressionen gepackt."

Achterbahnfahrt der Therapien

Als er fühlt, dass "der Tod wirklich vor meiner Tür steht" und merkt, dass gar nichts mehr geht und er in einem halben Jahr tot sein wird, geht er in die Therapie. Nach der ersten Therapie folgt eine Ausbildung als Journalist. Sein Traum wird wahr. Doch dann folgt der nächste Absturz. Es folgen ständige Entzüge und Entgiftungen, um des Jobs willen. Jörg schreibt buchstäblich um sein Leben. "Ich kann mir nicht erklären, wie ich das durchgestanden habe", meint er. "Wenn ich mich erinnere, in welchem Zustand ich zu Fuß durch die Wüste für eine Reisereportage gelaufen bin, in welchem Zustand ich Regisseuren oder Musikern gegenübergesessen und Interviews geführt habe. Ich bin danach halb ohnmächtig auf mein Bett gefallen." Es sei wirklich nur mit allerletzter Kraft gegangen.

Seine Musiker-Idole, allen voran Iggy Pop, sind Junkies. Er interviewt sie, immer in der Angst entdeckt zu werden. Ihre Musik bleibt Gefühlsverstärker für Jörgs Melancholie oder Euphorie und seine sich steigernde Einsamkeit. "Drogen machen sehr, sehr einsam", sagt er. "Die Sucht bindet alles an die Droge. Die Droge zerstört jedes Interesse an Sex, dadurch, dass sie alle Bedürfnisse auf sich bezieht. Der Druck ersetzt den Orgasmus."

Exzesse, Räusche, Abstürze

Im September 2001, nach 20 Jahren auf Drogen, beendet Jörg Böckemseine letzte Therapie. Seitdem hat er nicht mehr gesnifft, geraucht oder gespritzt. Der Preis für den Rausch - finanziell und emotional - war irgendwann zu hoch. Viele seiner Freunde sind inzwischen tot. Bedauert er inzwischen, Drogen genommen zu haben? "Im Endeffekt hat jede dieser Absturzphasen, jede der Therapien mich weitergebracht", meint Böckem. Er habe das Gefühl, ganz viel gelernt zu haben, und zwar "auf die ganz, ganz harte Tour. Ich habe unglaubliches Glück gehabt, dass ich diesen Lernprozess überlebt habe. Ich würde ihn niemandem empfehlen."

Sein Buch "Lass mich die Nacht überleben" ist ein 20 Jahre lang unterdrückter Schrei - jetzt hat er in Jörg Böckems Lebensgeschichte Form angenommen. Hart, ohne Idealisierung oder Verklärung, beschreibt er seine extremen Höllenfahrten, Exzesse, Räusche und Abstürze, in einer coolen, mitleidlosen Diktion:

"Kurz nach dem Drogenentzug war mir jedes Mal, als sei meine Haut verkehrt herum auf den Körper getackert. Schutzlos, offen, allem ausgeliefert."

Jörg Böckem arbeitet wieder als Journalist beim "Spiegel". Er hat begriffen, dass es auf dieser Welt nichts wichtigeres gibt als Erfahrungen, etwa die, dass der Mensch endlich ist. "Ich kann mir nicht alles zumuten. Demut ist eine ganz wichtige Erfahrung für mich gewesen. Das will ich jetzt nicht religiös verstanden wissen, überhaupt nicht." Und sein Buch soll für ihn Memento bleiben: "Ich habe eine Tür zugemacht, weil nach diesem Buch völlig klar ist, dass dieses Doppelleben jetzt endgültig vorbei ist."