Texte von Jörg Böckem

"Club der toten Fixer", Park Avenue 06/2006

"Des Teufels Schnupfen", Quest No. 20.05.2006 & 06/2006

"Der Name meiner Eltern", DIE ZEIT 25.03.2004

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Club der toten Fixer

(Aus „Park Avenue“ 6/06. Axel Schöpflins Geschichte wird auch in „Danach war alles anders – Suchtgeschichten“ erzählt.)

Eine Villa am Meer in Kalifornien, Pool, Hausangestellte. Axel Schöpflin, Sohn der wohlhabenden deutschen Versandhaus-Familie, lebt eine Jugend auf der Sonnenseite. Er ist Schulbester, mit seinen Freunden debattiert er über Schopenhauer und Rilke. Dann kommt eine Lieferung Heroin.

Früher kam sie häufig hierher. Vor allem in den Wochen und Monaten nach dieser Tragödie, die ihr Leben für immer verändert hat. Stunde um Stunde hat sie dort am Rand der Klippen gesessen, im weichen Gras, und hinaus gesehen auf das Meer. „Es ist ein guter Ort, wenn man nachdenken möchte“, sagt Lisl Schöpflin. Ihr Bruder Axel saß früher auch oft hier, zusammen mit seinen Freunden. Um Axel kreisen ihre Gedanken noch heute häufig.
Ein wenig unterhalb dieser Stelle befindet sich ein Ort, an dem Lisl Schöpflin noch nie gewesen ist. Ein dunklerer Ort. In den Klippen verborgen ist eine Höhle, nur schwer zu erreichen, der Abstieg ist steil und nicht ungefährlich. Aber es ist nicht die Gefahr, die sie schreckt. Lisl Schöpflin ist sportlich und klettererfahren. Es ist die Erinnerung. In diese Höhle, durch Ozean und Felsen vor neugierigen Blicken geschützt, haben Axel und seine Freunde sich vor mehr als einem Jahrzehnt zurück gezogen, ihr Heroin aufgekocht und sich Spritzen in ihre Venen gestochen. Als Axel am 12. Juni 1995 nach einer Überdosis starb, hat Lisl Schöpflin die Hand ihres toten Bruders gehalten. Da war sie 15 Jahre alt. Heute, im April 2006, ist sie 26, eine hübsche und lebendige junge Frau mit langen dunklen Haaren und wachen braunen Augen. Sie ist charmant, klug und herzlich, ihre Stimme klingt hell und klar, ihr Lachen natürlich. Hier, in La Jolla, an der kalifornischen Küste, ist sie aufgewachsen. In ihrer Kindheit wurde zu Hause neben Englisch auch Deutsch gesprochen, ihr Vater stammt aus Deutschland, ihre Mutter aus Österreich. Nur wenige Tausend Meter von dieser Klippe entfernt steht das Haus, in dem die Familie gelebt hat. Die Mutter wohnt noch immer dort, in wenigen Tagen wird auch sie ausziehen. Lisl, die heute Hunderte Kilometer entfernt in Oakland lebt, hilft ihr beim Umzug. Dafür ist sie angereist. „Es ist eine sehr schwierige Zeit für meine Mutter“, sagt sie. Vor allem, weil das Haus voll ist von Fotos, Briefen, Bildern und Büchern ihres Bruders. Voll von Erinnerungen an die Tragödie, die ihr Leben lange überschattet und ihre Familie auseinander gerissen hat.
   Lisl Schöpflin wird 1979 geboren, sie ist die Jüngste, ihr Bruder Axel ist dreieinhalb, ihre Schwester Isabel sechs. Ihre Mutter Marilies, eine elegante, schöne Frau, ist ein Kind des Wiener Großbürgertums, sie hat die besten Schulen besucht, Germanistik und Theaterwissenschaften studiert und in Künstlerkreisen verkehrt. Vor der Geburt ihrer Kinder hat sie an der Universität von Nancy Deutsch und Theatergeschichte unterrichtet und für einen Wiener Theaterverlag als Lektorin gearbeitet. Seit 1975 lebt die Familie in La Jolla, einem pittoresken Vorort von San Diego an der amerikanischen Westküste. Lisls Vater Hans, Sohn von Hans Schöpflin Senior, der mit dem Versandhaus Schöpflin den Grundstein zum Wohlstand der Familie legte, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann; er hat in den USA eine Warenhauskette aufgebaut.
Der Alltag der Familie ist geprägt von materieller Sicherheit und Schönheit: ein weitläufiges Haus am Meer, in kalifornisch-spanischem Stil erbaut, die Zimmer sind groß, lichtdurchflutet und geschmackvoll eingerichtet, im Garten ein Swimmingpool. Der mondäne Country Club mit eigenem Strand liegt ganz in der Nähe, im Winter fliegt die Familie zum Skifahren in die Schweiz. Ein Leben auf der Sonnenseite, voller Bücher, Bilder und Musik; der Vater sammelt moderne Kunst, die Mutter liebt Literatur und klassische Musik, besonders Haydn und Mozart.
Auch Axel begeistert sich für Kunst, Literatur, Philosophie und Musik, für Klassik genauso wie für Rock der sechziger und siebziger Jahre; Bach und Bob Dylan, Beethoven und Jim Morrison. Axel ist neugierig und klug, an seiner High School gehört er zu den Besten.
Axels Beziehung zu seiner Mutter ist innig, das Verhältnis zu seinem Vater dagegen schwierig. Der Geschäftsmann ist häufig unterwegs, sehr viel Zeit verbringen Vater und Sohn nicht miteinander. Nur, wenn sie im Urlaub Ski laufen, sind sie einander nahe. Den Geschäftssinn des Vaters scheint Axel nicht geerbt zu haben; Wirtschaft und Finanzen interessieren ihn nicht. Manchmal flößt der zielstrebige und erfolgreiche Vater dem Jungen regelrecht Angst ein. Dann fürchtet er, er könne den Ansprüchen des Vaters nicht genügen.
Die dreieinhalb Jahre jüngere Lisl verehrt den großen Bruder. Axel leitet sie an, gibt ihr Bücher zu lesen, spielt ihr Musik vor, berät sie in der Wahl ihrer Freunde. Er ist ihr Vorbild, ihr Ratgeber, ihr Freund und Beschützer.
Axel kleidet sich extravagant – ein abgewetzter Samtanzug aus dem Secondhand-Laden, ein altmodischer, schwarzer Bowler, wie ihn die Fiaker in Wien tragen. Seine Freunde sehen ähnlich aus. Axel ist 15, da treffen sie sich einmal in der Woche nach der Schule auf jener Lichtung auf den Klippen, hoch oben über der Küste von La Jolla, wo der Blick frei ist und Meer und Himmel endlos scheinen. Hier sitzen sie, fünf, sechs Jungs zwischen 15 und 17, sehen die Sonne untergehen, lesen Rilke, Freud, Schopenhauer und reden sich die Köpfe heiß. Sie wollen Künstler oder Philosophen sein, die Welt verändern. Sie sind Idealisten, beseelt von heiligem Ernst und einer Selbstgewissheit, wie sie wohl nur Teenager kennen. Axel wählt die Bücher aus und führt meist das Wort. Am Abend spielt er auf seiner Gitarre Stücke von Bob Dylan. Irgendwann beginnen sie, auch mit Drogen zu experimentieren, suchen Inspirationen und neue Perspektiven im Drogenrausch. Axels Familie ahnt nichts davon.
„Axel und seine Freunde sind in La Jolla sehr aufgefallen“, sagt Lisl Schöpflin. „Nicht nur wegen ihrer Kleidung. Sie waren einfach sehr präsent, neugierig und lebendig.“ In der Buchhandlung, in der Axel in dem Jahr vor seinem Tod nach der Schule gearbeitet hat, hängt noch immer sein Bild an einer Tür. Es zeigt einen jungen Mann mit schmalem, ernstem Gesicht und feinen Zügen, das dunkelblonde Haar hat er kurz geschnitten. Der Inhaber des Ladens hat Axel sehr geschätzt. „Axel hätte ein großer Denker werden können“, sagt er. Auch Lisl hat zu dem großen Bruder aufgeschaut. „Mit 14 war ich davon überzeugt, dass Axel mir beibringen wird, worum es eigentlich geht im Leben.“
Sie will sich auch an die positiven Seiten des Bruders erinnern. „Axel war viel mehr als ein Drogenabhängiger, der an einer Überdosis starb“, sagt sie. „Seine Leidenschaft, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Liebe zum Leben haben mich tief beeindruckt.“ Ihr ist es wichtig, dass die Geschichte ihres Bruders erzählt wird. „Wenn es um das Thema Drogen und Sucht geht“, sagt sie, „haben viele Menschen leider nur Klischees im Kopf und denken, dass Thema gehe sie nichts an.“ Darum hat sie sich entschlossen, in der Öffentlichkeit über ihren Bruder und seinen Tod zu reden, zum ersten Mal, auch wenn es immer noch schmerzt.
Axels Familie hat ebenfalls lange geglaubt, das Thema Heroin hätte nichts mit ihrem Leben zu tun. Manchmal hat Lisl sich gewundert, wenn ihrem Bruder beim gemeinsamen Abendessen die Augen zufielen und der Kopf auf die Brust sank. „Wahrscheinlich ist er müde“, hat sie dann gedacht. Auch ihre Mutter hat lange nichts bemerkt. „Leider“, sagt Marilies Schöpflin. Sie ist Anfang sechzig, groß und schlank. Ihr braunes Haar trägt sie kurz, die kalifornische Sonne hat ihre Haut gebräunt. Schmerz und die Trauer haben Falten in ihr Gesicht gegraben. Sie atmet schwer und spricht leise. Die Erinnerung scheint sie anzustrengen. „Vielleicht hätte ich sonst etwas ändern können.“ Noch heute fragt sie sich, welche Warnsignale sie übersehen hat.
In den vergangenen Jahren hat sie nach Antworten gesucht, auch im Gespräch mit früheren Freunden ihres Sohnes. „Ich denke, was Axel an den Drogen fasziniert hat, war die Möglichkeit, seinen Geist zu erweitern, besondere Erfahrungen zu machen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Schließlich hatten viele der Literaten, Künstler und Denker, die er so verehrte, mit Drogen experimentiert. Er hat die Gefahr einfach unterschätzt.“
Axel ist 16, als er die Droge mitbringt ins Haus seiner Eltern. Sein Freund P. ist drei Jahre älter, ein sensibler, intelligenter junger Mann, in den ersten High-School-Jahren hatte er zwei Klassen übersprungen. P. ist ein talentierter Maler. Und ein Junkie. Sein Heroinkonsum hat ihm schon einige Schulverweise eingebracht, seine Eltern haben ihn hinausgeworfen und die Unterstützung gestrichen. „P. ist ein Genie“, sagt Axel zu seiner Mutter. „Wir müssen ihm helfen, von den Drogen loszukommen.“ Einige Wochen später bringt er seinen Freund für einen methadongestützten Drogenentzug in eine nahe gelegene Klinik. Marilies ist stolz auf ihren Sohn.
Im Frühling des Jahres 1994, Axel ist 18 und steht kurz vor dem Abschluss der High School, spürt Marilies Schöpflin eine seltsame Unruhe. Ihr Sohn ist im Badezimmer, hat sich dort eingeschlossen, einige Ewigkeit schon, scheint es ihr. Seit Wochen schwelt in ihr ein vages Misstrauen. Das Verhalten ihres Sohnes hat sich verändert, oft wirkt er abwesend und unnahbar. Sein Freund P. hat seinen Klinikaufenthalt abgebrochen, ein anderer Freund ist kürzlich nach einer Überdosis Heroin auf der Intensivstation gelandet. Als Marilies davon erfuhr, hat sie ihren Sohn gefragt: „Axel, nimmst du auch Drogen? Du musst keine Angst haben, wir helfen dir. Aber sag mir bitte die Wahrheit.“ Axel hat empört reagiert. „Mama, hältst du mich für einen Idioten?“, hat er gesagt, „Ich werde mir doch nicht mit Drogen mein Gehirn ruinieren. Ich will noch so viel erreichen im Leben! Glaubst du, ich will in der Gosse enden?“ Damals hat ihr diese Antwort genügt. Axel wirkte sehr überzeugend, und er hatte nie gut lügen können.
Aber ein Rest von Unruhe ist geblieben. Und dieser Rest wächst an diesem Tag, wird so groß, das sie ihn nicht mehr ignorieren kann. Sie klopft an die Tür des Badezimmers. Nichts geschieht. Sie klopft erneut, wieder keine Antwort. „Axel, mach auf, ich weiß, dass du da drin bist.“ Ihr Sohn antwortet nicht. Was soll sie tun? Ihr Mann ist auf einer Geschäftsreise, Isabel studiert mittlerweile in Stanford, Marilies ist allein mit Axel und ihrer jüngsten Tochter. Die 14-jährige Lisl ist in ihrem Zimmer, sie steht vor dem Kleiderschrank, am Abend will sie auf eine Party gehen, sie kann sich nicht entscheiden, was sie anziehen soll. Ihre Mutter öffnet hastig die Tür. „Axel hat sich im Bad eingeschlossen und reagiert nicht“, sagt Marilies. Sie klopfen gemeinsam, rufen seinen Namen. Kein Laut dringt aus dem Badezimmer. „Dir scheint es nicht gut zu gehen“, sagt seine Mutter, „ich rufe jetzt den Rettungsdienst.“ Axel reagiert nicht.
Der Rettungswagen kommt nach wenigen Minuten. Als einer der Sanitäter energisch gegen die Tür klopft, öffnet Axel. „Hier ist alles in Ordnung“, sagt er, sein Blick ist verschleiert, seine Stimme scheint aus weiter Ferne zu kommen. Er kann sich kaum auf den Beinen halten. Die Rettungssanitäter untersuchen den apathisch wirkenden jungen Mann. „Sieht nach einer hohen Dosis Heroin aus“, sagt einer der Sanitäter und injiziert Axel ein Medikament, das ihn ausnüchtern soll. Dann verabschieden sie sich.
Marilies will nicht, dass die Lisl ihren geliebten Bruder so sieht. „Besser, du gehst in dein Zimmer und machst Hausaufgaben“, sagt sie. Aber Lisl will bei ihrem Bruder bleiben, Hausaufgaben, die Party später am Abend, nichts ist mehr von Bedeutung. Sie will helfen. Auch wenn sie kaum begreift, was vor sich geht. Das Mädchen setzt sich neben den großen Bruder, der teilnahmslos auf dem Sofa hockt, und nimmt seine Hand. Marilies setzt sich auf die andere Seite, der Schock und die Angst lassen sie am ganzen Körper zittern. Sie versucht, mit ihrem Sohn zu reden, aber es gelingt ihr kaum, durch das Heroin zu ihm durch zu dringen.
Marilies sucht nach Antworten. Sie will ihrem Sohn helfen. Aber bevor sie helfen kann, muss sie verstehen. Warum hat er das getan? Wie lange nimmt er schon Drogen? „Das war das erste Mal“, sagt Axel schließlich, „Das war nur ein Versuch, viele der gescheitesten Menschen der Welt haben mit Drogen experimentiert. Aber ich weiß jetzt, dass es ein Fehler war. So etwas wird nie wieder vorkommen, das musst du mir glauben.“ Marilies will ihm glauben, unbedingt. Ihr kluger, sensibler, talentierter Sohn kann doch nicht so dumm sein, sich sein Leben mit Drogen zu ruinieren. Sie nimmt Axel in den Arm. Jetzt nur keinen Streit, der den Sohn noch weiter weg treiben könnte.
Hans Schöpflin reagiert anders. Seine Angst und Hilflosigkeit schlagen um in Wut. Er schreit seinen Sohn an, droht ihm mit Strafe. Danach nur Sprachlosigkeit. Er findet keine Worte für den Aufruhr in seinem Inneren. Dass dieses Schweigen den Vater genauso schmerzt, ahnt Axel nicht. Hilflosigkeit, Angst, so etwas passt nicht in das Bild, das er sich von seinem Vater gemacht hat.
In dieser Nacht findet Lisl Schöpflin keinen Schlaf. Da ist eine diffuse Angst, die größer und größer wird. Sich in ihr festsetzt. Zum ersten Mal spürt sie, dass die Sicherheit und Harmonie, die ihr Leben ausmachen, brüchig sind. Was ist das Schlimmste, das ihrer Familie zustoßen könnte? Sie liegt wach und malt sich Katastrophen aus. Die Schlimmste wäre, dass Axel an den Drogen stirbt.
Aber die Katastrophe scheint auszubleiben. Im darauf folgenden Jahr besteht Axel die Abschlussprüfungen an der High School als Klassenbester, er wird mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Das Familienleben geht wieder seinen gewohnten Gang. Axels Mutter hat gelesen, dass Drogenabhängige durch rapiden Leistungsabfall und Verwahrlosung auffallen. Nichts davon bemerkt sie bei ihrem Sohn. Im Gegenteil, er bekommt die Zusage für einen Studienplatz in Physik und Philosophie an der renommierten Chicagoer Universität.
Im September 1994 zieht Axel nach Chicago. Er lebt sich schnell ein, findet neue Freunde, und auch an der Universität gehört er bald zu den Besten. Marilies besucht ihn häufig, im Laufe der Wochen und Monate schwindet ihre Angst vollständig. Auch Hans besucht seinen Sohn in Chicago. Zaghaft beginnen Vater und Sohn, sich einander anzunähern, das erste Mal seit Jahren. Gemeinsam besuchen sie das Museum of Contemporary Art, Axel ist beeindruckt vom Kunstverstand seines Vaters.
Im März des darauf folgenden Jahres stirbt Andre, einer von Axels engsten Freunden in La Jolla, an einem Hirntumor. Es ist ein schwerer Schock. Marilies fliegt nach Chicago, sie will ihrem Sohn beistehen. „Axel, ich bin so stolz auf dich, dass du es geschafft hast, von den Drogen loszukommen“, sagt sie kurz vor ihrem Rückflug. Zu diesem Zeitpunkt spritzt Axel längst wieder Heroin.
Die Semesterferien verbringt Axel im Haus seiner Eltern. Lisl ist glücklich, dass der geliebte Bruder wieder da ist. Am späten Vormittag des 12. Juni 1995 kommt sie vom Klavierunterricht nach Hause. Axel tollt im Garten mit dem Hund. Sie setzt sich im Wohnzimmer an das Piano und beginnt zu spielen, den „Türkischen Marsch“ von Mozart. Irgendwann kommt ihr Bruder ins Zimmer und hört zu. Auf Axels Rat hin hat sie begonnen, diese Partitur zu lernen, er lobt sie für ihre Fortschritte. Lisl ist stolz. Sie ahnt nicht, dass es das letzte Mal sein wird, dass sie ihren Bruder lebend sieht.
Lisl geht in ihr Zimmer. Es ist der letzte Schultag, sie räumt die alten Schulbücher beiseite, schafft Platz für all das Neue, das nach den Sommerferien auf sie wartet. Ein warmer, sonniger Frühsommertag, Lisls Mutter sitzt in ihrem Arbeitszimmer im Obergeschoss des Hauses, sie hat die Fenster geöffnet, vom Meer her weht ein lauer Wind. Die Stimmung in der Familie ist harmonisch. Hans und Axel sind ein paar Tage zuvor essen gegangen, allein. Beinahe sechs Stunden waren die beiden unterwegs, und als sie nach Hause kamen, wirkten sie aufgekratzt. Hans strahlte vor Glück. „Aus Axel ist ein toller junger Mann geworden“, sagte er am Abend zu seiner Frau.
Es klopft an Marilies‘ Zimmertür. Es ist Florencia, die spanische Haushaltshilfe. „Wissen Sie, wo Axel ist?“, fragt sie. „Ich kann ihn nirgends finden. Ich würde gerne sein Zimmer sauber machen.“ Marilies schaut in Axels Zimmer, sieht im Wohnzimmer nach, im Garten. Keine Spur von ihm. Sie ruft ihren Sohn. Keine Antwort. Das Schweigen macht ihr Angst. Sie eilt zum Badezimmer. Die Tür ist verschlossen. Sie rüttelt daran. „Axel, bist du da drin? Mach bitte auf.“ Niemand antwortet. Was soll sie tun? Hans ist nicht zu Hause, nur Lisl. Marilies muss in dieses Badezimmer gelangen, irgendwie. Das Badezimmerfenster ist von außen mit einem mexikanischen Schmiedeeisengitter verziert, vielleicht gelingt es Lisl, sich durch die Lücke hindurchzuzwängen. Marilies ruft die 15-jährige Tochter zu Hilfe. Lisl entriegelt die Badezimmertür mit einem Kleiderbügel. Öffnen lässt sie sich dennoch kaum, etwas Schweres blockiert die Tür von Innen. Es ist Axel, der am Boden liegt. Mit vereinten Kräften schieben Marilies und Lisl die Tür auf. Marilies nimmt den regungslosen Sohn weinend in die Arme, bettet seinen Kopf auf ihren Schoß. Sie ruft seinen Namen, immer wieder. Aber Axel antwortet nicht. Kein Laut, keine Bewegung, kein Atemzug. „Ruf den Notarzt, schnell.“ Lisl eilt zum Telefon. Wählt die Notrufnummer, dann die Büronummer ihres Vaters. Dann holt sie aus dem Zimmer ihres Bruders den Hut, den Axel so gerne trägt. Sie setzt sich neben ihre Mutter und den Bruder und wartet auf die Sanitäter, den Hut wird sie tagelang nicht mehr aus der Hand legen.
Hans Schöpflin trifft kurz vor dem Rettungswagen ein. Als er seine Frau dasitzen sieht, den reglosen Sohn in den Armen, schreit er auf, laut und gequält, Tränen rinnen über sein Gesicht. Es ist das erste Mal, dass Lisl ihren Vater weinen sieht. Die Sanitäter können wenige Minuten später nur noch den Tod durch eine Überdosis Heroin feststellen. Lisl ruft den Pfarrer. Als der Geistliche Axel die Sterbesakramente erteilt, hält Lisl Axels Hand.

Nachdem der Leichnam abtransportiert ist, verkriecht sich Marilies Schöpflin im Zimmer ihres Sohnes. Sie steht unter Schock, das ist zu viel für sie, viel zu viel. Sie legt sich auf Axels Bett, schlingt die Arme um ihre Beine, rollt sich zusammen wie ein Kleinkind. Sie kann nicht aufhören zu weinen.
„Als ich damals Axels Hand gehalten habe, war er ganz kalt und blau“, erinnert sich Lisl Schöpflin, ihre Stimme stockt ein wenig. „In dem Moment habe ich deutlich gespürt, dass mein Bruder nicht mehr da war.“ Axels Überdosis hat ihr Leben für Jahre überschattet; ein Schock, der eine existenzielle Angst in ihr auslöste. Sie sei lange depressiv gewesen, der Gedanke an Tod und Verlust habe ihr gesamtes Denken beherrscht, sagt sie.
Die Verarbeitung hat gedauert. Das Schreiben und eine Gesprächstherapie haben ihr dabei geholfen. Schon in der High School hat sie begonnen, Theaterstücke zu schreiben. Für ihr erstes Stück, das von einer Bruder-Schwester-Beziehung handelt, wurde sie als 16-Jährige beim „California Young Playwrights Contest“ ausgezeichnet. Ein späteres Stück erzählte die Geschichte eines Jungen, der an einer Überdosis stirbt.
Nach der Highschool studierte sie an der Universität von Pennsylvania Anthropologie und Theaterwissenschaften, während ihres Studiums arbeitete sie ein Jahr in San Salvador mit Straßenkindern. „Eine Zeit lang habe ich versucht, so zu leben, wie ich dachte, dass Axel es getan hätte, ich wollte sein Vermächtnis wahren“, sagt sie. „Es hat Jahre gedauert, bis ich in der Lage war, mein eigenes Leben zu führen.“ Sie habe ihren Bruder lange idealisiert. Erst seit einigen Jahren könne sie ihn differenzierter sehen. „Natürlich war er noch unfertig, manchmal sogar überheblich und selbstgefällig“, gesteht sie ein. „Er hat einfach nicht daran geglaubt, dass die Drogen ihm etwas anhaben können.“
Noch heute ist Axel sehr präsent in ihrem Leben. Zu einigen der alten Freunde und ehemaligen Freundinnen ihres Bruders pflegt sie eine enge Beziehung. Und erst kürzlich hat ein alter Brief ihres Bruders, der ihr zufällig in die Hände fiel, sie dazu bewogen, einen ungeliebten Job zu kündigen und sich wieder verstärkt dem Theater zu widmen. „Er hat mir klar gemacht, wie wichtig es ist, die Dinge zu tun, die mir wirklich etwas bedeuten“, sagt sie.
Ihre Mutter hat sich in den Jahren nach Axels Tod bemüht, das unvollständige Puzzle seines Sterbens zu einem schlüssigen Bild zusammenzufügen. „Ich glaube nicht, dass Axel sich umbringen wollte“, sagt Marilies Schöpflin. Wenige Wochen nach Axels Tod hat sie in der New York Times gelesen, dass in jenem Monat eine große Lieferung von sehr reinem Heroin an der Ost- und an der Westküste der USA eingetroffen war. Dieser Stoff habe die Zahl der Herointoten zu dieser Zeit drastisch ansteigen lassen. Dass Axel an einer Überdosis gestorben ist, begreift Marilies Schöpflin als tragischen Unfall. Trotzdem quälen sie noch heute Fragen nach Schuld, Verantwortung und Versäumnissen.
Axels Tod hat die Familie auseinander gerissen. „Hans und ich sind mit dieser Belastung nicht zurechtgekommen“, sagt Marilies Schöpflin. Auch, weil es auf beiden Seiten Vorwürfe und Schuldzuweisungen gab, unausgesprochen zwar, aber quälend. Trost beim anderen zu finden war ihnen nicht möglich. Nicht einmal reden konnten sie miteinander über den Schmerz und den Verlust. „Wir beide sind völlig unterschiedlich mit unserer Trauer umgegangen“, sagt Marilies Schöpflin. „Jeder hat auf seine Weise versucht, irgendwie weiterzuleben.“ Ihr Mann hat seinen Schmerz und seine Verzweiflung in Wut gekleidet. Für ihn, der sein Leben lang Probleme angepackt und gelöst hatte, waren dieser Verlust, die Hilflosigkeit und das Gefühl der Niederlage nicht anders auszuhalten.

Marilies hat sich in sich selbst zurückgezogen, eingemauert in der Erinnerung, unerreichbar für ihren Mann. Sie wollte den Sohn betrauern und die glücklichen gemeinsamen Momente im Gedächtnis bewahren, seine Stärken. Den Ärger des Ehemannes auf den toten Sohn und auf dessen Sucht konnte sie nicht ertragen.
Zwischen den Eheleuten war irgendwann nur noch Schweigen, hilflos und anklagend. „Es war, als würden wir beide in einem schlimmen Sturm auf dem Ozean treiben. Jeder in einem eigenen kleinen Ruderboot, inmitten turmhoher Wellen, die Strömung trieb uns auseinander. Und unsere Boote hatten beide ein Leck. Wir konnten einander nicht helfen, wir konnten nicht einmal zueinander gelangen.“ Das Ende der Ehe war nicht mehr aufzuhalten. Hans Schöpflin zog aus und siedelte über nach San Francisco. Er sah am Ende keine andere Möglichkeit mehr. Zwei Jahre nach Axels Tod wurden seine Eltern geschieden.
Lisl war damals sehr wütend auf den Vater, sie fühlte sich verraten und im Stich gelassen. „Ich konnte das nicht verstehen, ich wollte, dass er bei uns bleibt, stark ist und uns hilft“, sagt sie.  Mittlerweile sind sich Lisl Schöpflin und ihr Vater wieder näher gekommen, regelmäßig verbringen Hans, Marilies, Lisl und Isabel Schöpflin den Urlaub gemeinsam.  Die Familie hat wieder zusammengefunden. Nicht zuletzt durch die gemeinsame Arbeit für den von Hans Schöpflin ins Leben gerufenen gemeinnützigen Sunflower Fund, in dem sich die Schöpflins seit fast zwei Jahren gemeinsam engagieren. Der Sunflower Fund unterstützt unter anderem sozial Unterprivilegierte, versucht, ihnen Bildung zu ermöglichen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. „Axels Lieblingsblume war die Sonnenblume“, sagt Lisl Schöpflin. „Mit der Stiftung wollen wir in seinem Sinne einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt ein besserer Ort wird.“
Ein Anliegen, dem Hans Schöpflin mittlerweile seine gesamte Energie widmet. Axels Überdosis hat das Leben seines Vaters umgekrempelt. „Früher ging es meinem Vater hauptsächlich um beruflichen Erfolg“, sagt Lisl Schöpflin. Heute scheint es beinahe so, als habe der Vater das Erbe seines Sohnes angetreten. Vor vier Jahren hat er gemeinsam mit seiner Ex-Frau, seinen Töchtern und seinen Geschwistern die Stiftung „Villa Schöpflin – Zentrum für Suchtprävention“ gegründet und ihr den Familienstammsitz überschrieben, eine Villa im baden-württembergischen Lörrach. Die Schöpflins wollen helfen, anderen Eltern die schmerzhaften Erfahrungen zu ersparen, die sie selbst machen mussten. Oder, wenn das nicht möglich ist, zumindest einen Ort schaffen, an dem sie Rat und Hilfe finden können.
Vor wenigen Wochen ist die Arbeit der Villa Schöpflin von der Initiative „Land der Ideen“ ausgezeichnet worden. Zudem haben Hans Schöpflin und seine Geschwister die Staufermedaille des Landes Baden Württemberg verliehen bekommen, als Auszeichnung für „beispielhaftes Engagement, das  sich Menschen zuwendet, die am Rande stehen“. Hans Schöpflin wendet viel Zeit und Energie dafür auf, Sponsoren und Spender für seine Projekte zu gewinnen. „In Deutschland ist gemeinnütziges Engagement leider noch nicht selbstverständlich“, sagt er. Von seinen geschäftlichen Erfolgen in der profitorientierten Wirtschaft mag er heute nicht mehr sprechen. Dass war in einem anderen Leben.
Doch trotz des Bewusstseinswandels, den Axels Überdosis bei ihm ausgelöst hat, über den Tod seines Sohnes kann Hans Schöpflin nicht reden. Die Erinnerung, sagt er, sei noch immer zu schmerzhaft.


 

DES TEUFELS SCHNUPFEN

(Erschienen in Quest No. 20 Mai & Juni 2006)

Kokain ist Potenzrakete, Kreativstimulans, Powerpoint-Präsentation des Ich, heißt es – so verführerisch, selbst der Rhein ist on Line – [11 Tonnen jährlich im Wasser].

Jörg Böckem über eine jahrelange Hassliebe.

Am Anfang war ein Wort: Bolivien. In unseren Ohren klang es wie eine Zauberformel. Die Buchstaben schienen in silbernem Glanz zu leuchten. Nicht, dass einer von uns jemals dort gewesen wäre oder die geringste Vorstellung hatte, wie es aussah in diesem Land. Ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal auf einem Globus gefunden. Aber dass es dort Kokain von feinster Qualität gab, das wussten wir.
Ein Samstag im Spätsommer des Jahres 1989, ich war 23 Jahre alt. Nicol, Georg und ich saßen im Wohnzimmer des kleinen Hinterhof-Häuschens in Lübeck, in das die beiden gezogen waren, 3 Zimmer Altbau, 65 Quadratmeter auf zwei Etagen, inmitten der Altstadt, pittoreske Häuser aus dem vorigen Jahrhundert, Kopfsteinpflaster. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, das „Tipasa“, die Kneipe, die einmal Marianne Bachmeier gehört hatte, Anfang der achtziger Jahre, als sie den Mörder ihrer kleinen Tochter im Gerichtsaal erschoss. „Ich kann Rainer ja mal anrufen“, sagte Georg wie nebenbei. „Klar“, antwortete ich. „Warum nicht?“ Wir gaben uns Mühe, möglichst gleichgültig zu wirken, aber die Anspannung ließ unsere Stimmen leicht zittern. Georg arbeitete zu dieser Zeit als Schriftsetzer und Grafiker in einem Photosatzstudio, Rainer hatte er vor ungefähr sechs Monaten kennen gelernt. Vor zwei Tagen war Rainer mittags im Büro aufgetaucht und hatte von seiner Lateinamerika-Reise erzählt. In einem unbeobachteten Augenblick hatte er Georg ein schwarzes Filmdöschen unter die Nase gehalten, randvoll mit weißem, kristallinen Pulver: Kokain aus Bolivien, beste Qualität, wie er betonte, rein und unverschnitten. Über hundert Gramm hatte er mitgebracht, eingeschweißt in Fingerlinge und mit Bienenwachs versiegelt in seinem Magen nach Deutschland transportiert. Anblick und Geruch des Kokains hatten Georgs Pulsschlag augenblicklich in die Höhe katapultiert.
Georg war 26, wir waren enge Freunde, mein halbes Leben lang. Kennen gelernt hatten wir uns im Jugendzentrum unseres Heimatortes. Mit Georg hatte ich meinen ersten Joint geraucht, da war ich vierzehn. In den Jahren, die folgten, hatten wir zusammen alles an Drogen genommen, was der Markt in den Niederlanden hergab – Amphetamine, LSD und vor allem Kokain und Heroin. Wir hatten unsere Unschuld verloren, in so ziemlich jeder Hinsicht. Die anfängliche Euphorie, der spielerische Übermut und Erfahrungshunger, mit dem wir uns auf alles, was ein wildes, aufregendes Leben verhieß, gestürzt hatten, war schon lange verweht. Und für die ersten flirrenden Jahre hatten wir schon einen hohen Preis gezahlt.
Fünf Jahre war es her, dass ich zum ersten Mal verhaftet und in Amsterdam eingesperrt worden war, kurz vor meiner mündlichen Abiturprüfung. Unzählige Stunden und Tage, die ich gerne aus meiner Erinnerung gelöscht hätte, folgten – der Moment, als das junge Mädchen, dem ich auf der Toilette von McDonald´s eine Überdosis Kokain gespritzt hatte, mir besinnungslos in die Arme gesunken war und ich nur da gestanden hatte, wie gelähmt von Hilflosigkeit und Angst; die zahlreichen Entgiftungsversuche, Schmerzen, die in Körper und Geist wüteten; Nächte, die ich auf dem Straßenstrich in den Niederlanden verbracht hatte, die Nummernschilder der Freier notierend und darauf wartend, dass die Freundin, die dort anschaffte, genug Geld zusammenbrachte für Heroin und Kokain.
Und im August 1987 war Thomas, Georgs jüngerer Bruder, mit dem ich ebenfalls eng befreundet war, bei einem Autounfall gestorben. Er saß auf dem Beifahrersitz, der Fahrer war so zugekokst, dass er einen Traktor samt Anhänger, der die Landstraße kreuzte, übersehen hatte.
In diesem Spätsommer des Jahres 1989 allerdings hatten wir uns ein wenig herausgekämpft aus der Sucht. Georg hatte im vergangenen Jahr eine Therapie gemacht. Dort hatte er auch Nicol kennen gelernt, ein zierliches Mädchen mit kurzen schwarzem Haar und dunklen Augen, in dessen schönem Gesicht immer auch Melancholie und Überdruss lagen, was sie noch reizvoller erscheinen ließ. Nach Ende der Therapie waren die beiden nach Lübeck gezogen, eine Art Flucht vor der Sucht. In unserer alten Heimat hatte Georg bald erkannt, gab es für ihn kein Entrinnen vor den alten Freunden, den alten Feinden und den alten Gewohnheiten. In Lübeck hatten die beiden keinen Kontakt zur Drogenszene. Eigentlich sollte das so bleiben. Ich selbst hatte erst vor einigen Monaten wieder einmal entgiftet, als ich erfahren hatte, dass meine damalige Freundin schwanger war. Noch gelang es mir gerade so, ohne Drogen durch die Tage zu kommen. Aber ich spürte schon, dass es nicht mehr lange gut gehen würde. Auch deshalb war ich an diesem Wochenende zu Georg geflohen. Mit dem Kokain verband mich eine aufreibende Hassliebe. Am Anfang war das weiße Pulver die schiere Verheißung gewesen, schon bevor ich es zum ersten Mal in Händen hielt, spürte ich seine Anziehungskraft. Ich wusste, dass viele der Musiker, Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler, die mich faszinierten, Kokain genommen hatten, Bon Scott, Debbie Harry, Rainer Werner Fassbinder, John Belushi, Iggy Pop, David Bowie, Jack Kerouac und Jörg Fauser, einige mit tödlichem Ausgang, aber was war das Leben ohne Risiko?
Koks war aufregend, mystisch und sexy, ein Synonym für unangepassten Individualismus, für Kreativität, Aufbruch und Grenzerfahrungen, für Originalität, Klarheit und Schärfe im Denken und Formulieren. Ich war 18, als mir ein Freund zum ersten Mal Kokain injizierte. Die Erinnerung daran hatte sich in meinem Hirn fest gebrannt, die Erinnerung an den Kick, ein Blitz aus gleißendem Licht in meinem Hirn, der mir die Schädeldecke zu sprengen drohte; das Hämmern meines Herzens, das Prickeln auf der Haut, der eigentümliche Geschmack, der schon auf meiner Zunge war, Sekunden bevor die Droge Hirn und Körper überschwemmte. 
Eine Erinnerung, der ich in den letzten Jahren vergeblich hinterher gehechelt war. Nach dem Licht war das Dunkel gekommen: Der Moment, wenn das letzte Körnchen aufgebraucht war und alles in mir nach einer weiteren Dosis schrie, mehr, immer mehr, eine Spirale der Gier, aus der ein Entkommen unmöglich war, jede Sekunde ohne die Droge schien mich zu verbrennen. Der Tag danach, nachtschwarze Verzweiflung, in der ich versank wie in Treibsand, Angst und Paranoia. Stunden, in denen ich heulend und zitternd in der Ecke gesessen hatte. Wände, die auf mich zurasten, eine Welt, deren Gewicht mich zu zerschmettern drohte.
Die Wahnvorstellungen nach durchwachten Tagen und Nächten, kleine Tiere, die auf und unter der Haut zu krabbeln schienen und sich nicht vertreiben ließen, egal wie fest ich kratzte.
Verwegen und aufregend war das längst nicht mehr, Kreativität und Klarheit hatte es mir in Wirklichkeit nie gebracht. Im Gegenteil, obwohl ich in den vergangenen Jahren immer wieder geschrieben hatte, Songs für befreundete Bands, Artikel und Kurzgeschichten  für unser Punk-Fanzine, für Stadtmagazine und eine Rowohlt-Anthologie, so hatte ich das immer nur dann getan, wenn die Droge gerade nicht durch mein Hirn spukte. Drogen nahmen mich zu sehr gefangen, ließen keinen Platz für irgendetwas anderes als den Rausch. Auch mehr als ein Jahrzehnt später, als ich in Hamburg lebte, für den Spiegel und Die Zeit schrieb und täglich Heroin und Kokain spritzte, mied ich, wenn ich arbeiten musste, das Kokain. Kokain zersetzte meine Wahrnehmung. Die Klarheit, die es suggerierte, war meist nichts anderes als egozentrische Verblendung. Kokain verstellte mir den Blick auf alles, was ich tat. Es ließ Gedanken und Sätze strahlend und klug erscheinen; auch, wenn das meiste davon Müll war, eitel, geschwätzig und leer.
Ich erinnerte mich an eine Freundin, die es für eine gute Idee hielt, sich für ihre mündliche Abiturprüfung mit zwei Linien Kokain zu stärken. Eine Stunde redete sie ohne Punkt und Komma auf die Prüfer ein, Fragen nahm sie nicht einmal zur Kenntnis. Thema verfehlt, Ungenügend. 
Ich hatte erlebt, wie die Droge Menschen aushöhlte, den Körper, Geist und alles, was da es da sonst noch geben mochte, austrocknete, und Zombies zurück ließ, kalt bis ins Mark. Und doch hatte ich nicht vom Kokain lassen können. Oder nicht lassen wollen. Koks durch die Nase zu ziehen allerdings hielt ich für Verschwendung. Ein einziges Mal hatte ich das versucht, eine herbe Enttäuschung. Wie konnte man sich freiwillig den Kick entsagen und sich mit einem flauen Rausch zufrieden geben? Das war wie Sex ohne Orgasmus, damals unvorstellbar für mich. Außerdem gingen mir die Jungs und Mädchen mit den gerollten Geldscheinen in den Nasenlöchern und den weißen Linien auf Taschenspiegeln mittlerweile auf die Nerven – ihre Geschwätzigkeit, das eitle, affektierte Gehabe waren kaum auszuhalten. Kokain schien damals den deutschen Alltag zu erobern. In den neunziger Jahren schließlich verbreitete es sich nicht nur auf Laufstegen und Bühnen, in Platten- und Filmstudios, es setze sich fest in Werbeagenturen, Zeitungs- und Fernsehredaktionen, in Clubs und Restaurants. Es schien die perfekte Droge für Menschen zu sein, die sich mehr denn je durch Geschwindigkeit, Egozentrik und glitzernde Fassaden definierten, im Beruf wie im Privaten.
Rainer kam am frühen Abend. Die Sonne ging gerade unter, die letzten Strahlen des warmen, weichen Spätsommerlichts fielen durchs Fenster. Wir kauften zwei Gramm, für 150 DM. Ein Freund-schaftspreis, auf der Szene hätten wir mehr als das Doppelte bezahlt. Das Kokain auf Georgs Glastisch funkelte im Abendlicht, schien heller zu strahlen als die Sonne. Mein Herz raste, mein Magen schien sich zu verknoten, beinahe hätte ich mich übergeben müssen – Vorfreude, Aufregung, Panik unentwirrbar ineinander verschlungen. Als Rainer gegangen war, holte Georg drei Insulinspritzen und einen Riegel Valium aus dem Schrank. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt Kokain gespritzt hatte, ohne Heroin dazu zu nehmen. Heroin vermochte die Gier und die Verzweiflung, die blieben, wenn das Kokain verbraucht war, halbwegs im Zaum zu halten. Ohne konnte es eng werden. Wir hofften, dass das Valium reichen würde.
Rainer hatte nicht übertrieben. Noch nie hatte ich so reines Kokain gespritzt. Da war es wieder, das Gefühl, das mich bei meinem ersten Druck schier überrollt hatte. Wir lagen nebeneinander auf dem Teppich, den Rücken an die Couch gelehnt, mit weit aufgerissenen Augen, unser Herz schlug schnell und laut, wir atmeten tief und schwer. Keiner von uns sagte ein Wort, aber reden war auch nicht nötig. Wir sahen uns nur an, in den tellergroßen Pupillen der anderen fanden wir das genaue Abbild der Aufruhr in unserem Inneren. Das Kokain verband uns auf magische Weise, wir fühlten uns so nah wie zuvor. Es ließ die Dunkelheit leuchten, Georgs Wohnzimmer war erfüllt von sanftem Glanz. Irgendwann zogen wir unsere T-Shirts aus. So viel Wärme, in uns, um uns. Der Kick schien endlos zu dauern, sonst war meist nach wenigen Minuten alles vorüber und spätestens nach einer Viertelstunde erwachte die Gier wie ein hungriges Raubtier. Aber dieses Mal schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis die Erregung nachließ.
Wir nahmen uns bei der Hand, schweigend und beseelt. Das Kokain umschloss uns mit einer Blase aus Wärme und Licht, sanft und pulsierend, die Welt da draußen, die Zeit, die verging, nichts spielte mehr eine Rolle. Irgendwann lagen wir eng beieinander, völlig nackt, Nicol in der Mitte. Jede Berührung ließ elektrische Wellen durch unsere Körper sirren, wenn Georgs und meine Hände sich berührten, war das beinahe noch aufregender als Nicols weiche Haut, ihre Brust zu berühren. Alles fühlte sich so neu an, so überwältigend, und gleichzeitig so selbstverständlich, so richtig. Irgendwann verloren wir völlig das Gefühl dafür, wessen Haut wir gerade streichelten, wessen Hand uns berührte und wessen Mund wir küssten. An Sex dachte keiner von uns. Was wir taten war so intensiv, so vereinnahmend, mehr als diese sanften Berührungen wäre unmöglich gewesen.
Warum Koks als Sexdroge galt, hatte ich nie ganz verstanden. O.k., es schaltete den Verstand ab und zersetzte Schüchternheit, Komplexe und jede Form von Hemmungen oder romantischen Idealen; sicher, Kokain auf den Schleimhäuten führte zu einer Art lokaler Betäubung und zögert den Orgasmus hinaus. Aber besser, inniger oder leidenschaftlicher wurde der Sex dadurch nicht. Zumindest hatte ich diese Erfahrung nie gemacht, im Gegenteil: Kokain hatte Sex oft eher verhindert. Es erschwerte sogar die Erektion. Aber es hieß ja, das wichtigste Geschlechtsorgan sei das menschliche Gehirn. Möglich, dass das Feuerwerk, das die Droge dort zu zünden vermochte, auch andere Partien des Körpers stimulierte. Immer wieder verließen Georg und ich in dieser Nacht seine Wohnung, eingehüllt in die schützende Blase des Kokains, holten Geld aus dem Automaten und klingelten bei Rainer. Diese Nacht durfte nicht enden, zwei Gramm, drei Gramm, ein ums andere Mal, bis Georgs Konto nichts mehr hergab und Rainer sich weigerte, uns weiteren Kredit zu geben. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, war das Licht kristallin. Wir hatten nicht eine Minute geschlafen.
Gegen Mittag stieg ich in meinen Wagen und machte mich auf den Rückweg. Am Montag musste ich früh raus, zu dieser Zeit arbeitete ich als Lagerist in einer Spedition. Nicol begleitete mich, sie hatte sich eine Woche frei genommen und wollte Freunde besuchen. Das letzte Koks drückten wir uns in einem Waldstreifen hinter einer Autobahnraststätte. Ungefähr eine halbe Stunde lagen wir nebeneinander auf dem weichen Waldboden, Hand in Hand, und sahen zu, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Bäume über uns glitzerte. Wir stiegen wieder in den Wagen. Bald begann die Sonne in meinen Augen zu brennen, mir war, als würde sie mein Hirn verdampfen. Im Ruhrgebiet zog ein Gewitter auf. Die Angst und die Depressionen kamen mit den Wolken.
In den Monaten, die folgten, stürzte ich tiefer und tiefer. Ich verlor meinen Job, meine Wohnung, allen Mut, alle Kraft, alle Hoffnung.
Im Frühjahr 1991 rettete ich mich in eine stationäre Drogentherapie, nach deren Ende zog ich nach Hamburg und begann als Journalist zu arbeiten. Zwei weitere Therapien sollten folgen.
Georg und Nicol wurden im Sommer 1992 festgenommen, ein Einsatzkommando der Polizei stürmte früh am Morgen ihre Wohnung in Lübeck. Kurz nach unserer Kokainnacht hatten die beiden wieder begonnen, täglich Drogen zu nehmen, Heroin, Kokain, Kodein und Schlaftabletten. Die letzten Monate hatte Georg gedealt. In der Haftanstalt Lübeck Lauerhof wäre er beinahe an seinen Entzugserscheinungen gestorben. Heute lebt er drogenfrei mit Frau und Kind in unserer alten Heimat im Rheinland.
Weihnachten 1999 habe ich nach einer Überdosis Kokain versucht, im Wahn meine Freundin zu erwürgen. 2001 habe ich meine letzte Therapie angetreten. Nicol starb im gleichen Jahr an einer Überdosis. Da war sie 34 Jahre alt.
Kokain habe ich seit mehr als fünf Jahren nicht mehr genommen. Hin und wieder bin ich der Droge noch begegnet. Vor einigen Jahren war ich für ein Interview in London, mir gegenüber saß ein ehemaliger englischer Fußballprofi mit wuchtigem Körper und kantigem Kopf, in seiner aktiven Zeit berüchtigt für seine Blutgrätsche. Seit einigen Jahren arbeitete er als Schauspieler, meist spielte er Ganoven oder Schläger, Rollen, die ihm kaum Verstellung abverlangten. An diesem Nachmittag war er augenscheinlich zugekokst bis an die Haarwurzeln, Schweiß stand auf seiner Stirn, seine Bewegungen waren fahrig, und seine weit aufgerissenen Augen flackerten, während er in abgehakten, schnellen Sätze von seinem Lieblingshobby, der Jagd erzählte. Sein gesamter Körper schien vor Anspannung zu beben; wenn meine Fragen ihm nicht gefielen, neigte er seinen Oberkörper ein wenig in meine Richtung und fixierte mich schweigend für wenige Sekunden, bevor er antwortete. Ich versank regelrecht in meinem Polstersessel, selten hatte ich einen Menschen erlebt, dessen schiere Präsenz so bedrohlich wirkte. Auf dem Fußballplatz wäre ich wahrscheinlich davongelaufen. Ansonsten fand ich die Droge meist in den Schlagzeilen: Falco raste, kurz vor der Veröffentlichung von Out Of The Dark [Into The Light] in der dominikanischen Republik mit dem Wagen in den Tod, beschleunigt vom Kokain. Christoph Daum verlor wegen des Kokains seinen Job als zukünftiger Bundestrainer, Michel Friedman seine Reputation und seine Talkshow, Jörg Immendorf beinahe seine Professur. Immer häufiger waren es die alternden Männer, die das Kokain in die Nachrichten brachten – Koks, Nutten und ein Hotelzimmer. Kokain als Aphrodisiakum, als letzter, verzweifelter Versuch, Vitalität, Potenz und Jugend zumindest für eine Nacht zurückzukaufen? Als Ventil für die Last des Alltags und die Anforderungen einer exponierten Karriere, als Schutz vor der Angst? Kokser schienen mir mehr und mehr tragische Gestalten zu sein. Wie Kate Moss. Sicher, sie ist immer noch eines der erfolgreichsten – und schönsten – Models der Welt. Aber mit Anfang 30, das Scheitern ihres Familienentwurfs hinter sich und das Ende der Karriere in greifbarer Nähe, koksend mit zehn Jahre jüngeren Musikern in Proberäumen abzuhängen und sich dabei auch noch filmen zu lassen, wirkt wie ein verzweifelter Versuch, einen Lebensstil und ein Selbstbild zu konservieren, dessen Verfallsdatum längst überschritten ist.
Solche Beispiele hätten mir als 18-Jährigem Kokain wohl deutlich weniger verführerisch erscheinen lassen. Schließlich ist jede Droge untrennbar verwoben mit dem Mythos, der sie umgibt, er verleiht ihr einen großen Teil der Anziehungskraft. Die Strahlkraft des Kokain ist verblasst.



 

Der Name meiner Eltern

(© DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14)

Jahrelang führte Jörg Böckem ein Doppelleben als Journalist und Heroinsüchtiger. Nun hat er darüber ein Buch veröffentlicht – unter seinem richtigen Namen. Seine Mutter war darüber zunächst entsetzt. Dann haben sie gemeinsam versucht, die Vergangenheit zu verstehen

Mitte März hat Maria-Helene alle ihre Freundinnen angerufen. Sie hat ihnen gesagt, dass es ihr im Moment nicht gut gehe, dass sie sich mit einem schwerwiegenden Problem auseinander setzen müsse. Ein familiäres Problem, über das sie mit niemandem außerhalb der Familie reden möchte. In den nächsten Wochen wolle sie ihre Zeit nur mit ihrer Familie verbringen, mit ihrem Ehemann, ihren Söhnen, der Schwiegertochter und ihrem Enkel. Dafür hat sie um Verständnis gebeten.
Maria-Helene ist Ende 50, sie wohnt in einem Dorf am Niederrhein. Als sie 21 war, wurde die gelernte Arzthelferin mit ihrem ersten Sohn schwanger. Damals hat sie ihren Beruf aufgegeben und ihre gesamte Zeit und Energie ihrer Familie gewidmet. Zweieinhalb Jahre später kam ihr zweiter Sohn zur Welt.
Vor mehr als dreißig Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Bungalow gebaut, mit wenig Geld und viel Arbeit. Der Bungalow steht nicht einmal zwei Kilometer entfernt von dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. In dieser Gegend sind die Häuser verklinkert und die Fenster mit weißen Gardinen verhangen. Die Rasenflächen vor den Häusern werden ordentlich gestutzt und sind mit niedrigen Ziegelmauern eingefasst. Maria-Helene hält den Bungalow, in dem sie mit ihrem Mann lebt, peinlich sauber und verwendet viel Zeit darauf, die Räume liebevoll mit Blumengestecken zu dekorieren, die sie selbst anfertigt. Regelmäßig treffen sie und ihr Mann sich mit Freunden an einem Abend zum Kartenspielen, an einem anderen zum Kegeln. Wenn Maria-Helene Nachbarn auf der Straße trifft, bleibt sie oft eine Weile stehen und unterhält sich mit ihnen. Sie ist eine freundliche, warmherzige Frau, häufig suchen ihre Freundinnen bei ihr Trost und Rat. Trost, der ihr selbst in diesen Wochen, wie schon so oft in ihrem Leben, versagt bleibt. Weil sie sich nicht in der Lage fühlt, ihn anzunehmen.
»Noch nicht«, sagt sie, möglich, dass es irgendwann anders aussieht. Darauf hofft sie. Doch bis es so weit ist, möchte sie mit niemandem reden über das, was ihren Frieden, den inneren und äußeren, bedroht.
Das Problem, über das Maria-Helene im Moment noch nicht sprechen möchte, ist ein Buch. Das Buch erzählt die Lebens- und Drogengeschichte ihres Sohnes, es ist gerade erschienen. Ich habe dieses Buch geschrieben, Maria-Helene ist meine Mutter. Und sie hat große Angst vor meinem Buch.
Vor drei Jahren fragte mich ein befreundeter Spiegel-Redakteur, ob ich mir vorstellen könne, einen Artikel über mein Doppelleben zu schreiben. Zu dieser Zeit war ich 35 Jahre alt und stand kurz vor meiner dritten Drogentherapie. Mit 18 hatte ich begonnen, Heroin und Kokain zu spritzen, mit 24 hatte ich meine erste Therapie beendet und anschließend bei der Zeitschrift Tempo eine Ausbildung zum Journalisten durchlaufen. Danach schrieb ich für einige der interessantesten Zeitungen und Magazine des Landes, neben Tempo für jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung oder die Woche. Am Neujahrsmorgen 1996, zwei Wochen vor meinen 30. Geburtstag, kaufte ich mir wieder Heroin, das erste Mal seit fünf Jahren. In den folgenden Jahren wurde mein Drogenkonsum immer exzessiver, meine Abhängigkeit immer stärker. Doch gleichzeitig mit meiner Drogenkarriere schritt auch meine berufliche Karriere voran, bald schrieb ich regelmäßig für den Spiegel und auch für die ZEIT, unterbrochen von zahlreichen Entgiftungs- und Therapieversuchen. Ein Kampf mit der Sucht, die beinahe meine Zukunft und meine Gesundheit zerstört hätte. Oft stand ich kurz davor, diesen Kampf zu verlieren. Nur einige wenige meiner Kollegen wussten von meiner Drogenabhängigkeit.
Im Sommer 2003 veröffentlichte der Spiegel einen Text, in dem ich einen Tag im Jahr 1999 beschrieb und versuchte, das Elend der Sucht, den Spagat zwischen der Drogenabhängigkeit und meiner Arbeit als Journalist, meine Verzweiflung, meinen Selbsthass in Worte zu fassen. Damals entschied ich mich, den Text anonym zu veröffentlichen. Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen; aber auch aus Rücksicht auf meine Eltern.
Im vorigen Sommer habe ich die Arbeit an meinem Buch begonnen. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich meinen Namen darauf setzen sollte. Als ich zum ersten Mal mit meinen Eltern darüber sprach, erlitt meine Mutter einen Weinkrampf. »Wenn du das tust«, sagte sie, »verlasse ich das Land.« Ich versuchte, sie nach ihren Befürchtungen zu fragen; »wir müssen darüber reden«, sagte ich. Sie lief weinend aus dem Zimmer, ein Gespräch war nicht möglich. »Lass sie besser in Ruhe«, sagte mein Vater. In Ordnung, dachte ich. Noch blieben mir einige Monate Zeit, bis ich dem Verlag eine verbindliche Entscheidung mitteilen musste. Eine Entscheidung, die ich gemeinsam mit meinen Eltern treffen wollte.
In den folgenden Wochen reiste ich zunächst einmal quer durch Deutschland, besuchte alte Freunde, Exfreundinnen und Weggefährten, sprach mit ihnen über unsere gemeinsam erlebte Zeit und meine Absicht, ein Buch darüber zu schreiben. Ich bat jeden, darüber nachzudenken, ob ich in meinem Buch seinen tatsächlichen Namen verwenden sollte. Auch für viele meiner alten Freunde war die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schwierig. Allen, zu denen ich noch Kontakt finden konnte, habe ich im Laufe der folgenden Monate jene Kapitel vorgelegt, in denen ich von ihnen erzähle. Einer dieser alten Freunde hat beschlossen, seinen Namen in meinem Buch ändern zu lassen – das Buch aber als Anlass zu nehmen, in seinem Umfeld von seiner Drogenvergangenheit zu berichten. Eine frühere Freundin entschied sich, ihren Namen herzugeben, will aber verhindern, dass ihre 14-jährige Tochter den Text zu lesen bekommt.
Meine Eltern konnten nicht so frei entscheiden. Mein Name ist nun mal auch der ihre. Von meiner Entscheidung würde auch ihre Anonymität abhängen.
Als ich mit dem Schreiben begann, stellte ich sehr schnell fest, dass ich dieses Buch eigentlich nicht anonym schreiben konnte. Hätte ich bei jedem Satz darauf achten müssen, meine Spuren zu verwischen und nichts preiszugeben, was auf meine Identität schließen lässt, es wäre ein völlig anderes Buch geworden. Nicht das, das ich schreiben wollte. Ich wollte nicht nur deutlich machen, was ich tat, sondern auch, warum ich es tat. Soweit ich überhaupt selbst die Gründe wusste. Wie aber kann ein Autor für sein Buch den Anspruch auf Aufrichtigkeit stellen, wenn er sich selbst verbirgt? Zumindest in meinem eigenen Fall sah ich dazu keine Möglichkeit.
Trotzdem ist mir die Entscheidung, meinen Namen auf das Buch zu setzen, sehr schwer gefallen. Der schwierigste und vielleicht wichtigste Prozess war dabei von Beginn an die Auseinandersetzung mit den Ängsten meiner Mutter.
Natürlich spielte für mich auch die Frage, welche Konsequenzen das alles für meine Arbeit haben würde, eine große Rolle. Da ich als freier Journalist nur Aufträge bekomme, wenn ein Vertrauensverhältnis zu den Redaktionen besteht, kann ich nicht ausschließen, dass mein Bekenntnis zu meiner Drogengeschichte meine Arbeit in Zukunft erschweren wird. Ich sprach mit einigen Kollegen über meine Befürchtungen und mögliche berufliche Konsequenzen. Die einen hatten große Bedenken, die anderen gar keine. Was meine berufliche Zukunft betraf, musste ich diese Entscheidung alleine treffen.
In meinem Privatleben hatte ich keine besonderen Schwierigkeiten zu erwarten. Meine Drogensucht und ihre Überwindung ist seit langer Zeit Teil meines Lebens, meine Freunde wissen davon.
In der Welt meiner Eltern jedoch sieht das ganz anders aus. Dort gibt es keinen Platz für die Sucht. Drogen, Kriminalität, sicher, so etwas existiert. Aber nur woanders. Damit muss man sich in der Welt da draußen herumschlagen, aber bestimmt nicht hier im Mikrokosmos der Bungalows mit ihren Vorgärten und Doppelgaragen. Jahrzehntelang taten meine Eltern deshalb alles, um die Drogenabhängigkeit ihres ältesten Sohnes vor Nachbarn, Verwandten und Freunden zu verbergen. Es gab und gibt eine Menge Gründe für meine Eltern, Angst zu haben. So fürchtete meine Mutter unter anderem die soziale Ächtung – würden ihre Nachbarn mit dem Finger auf sie zeigen? Würden ihre Freunde schlecht von ihr denken? Würden sie, was für sie noch schlimmer zu ertragen wäre, schlecht von ihrem Sohn reden?
»Wer mich nach dem Buch schief ansieht, kann mir gestohlen bleiben«, entschied recht schnell mein Vater, gleichermaßen trotzig wie mutig. »Solche Freunde brauche ich nicht.« Von einer solchen Haltung war meine Mutter anfangs unendlich weit entfernt. Nur einer einzigen Freundin hatte sie in all den Jahren von der Sucht ihres Sohnes erzählt, von ihrem Leid, ihrer Angst und ihrer Scham. Jahrzehntelang hat meine Mutter sich geschämt. Nicht eigentlich für mich und meine Sucht. Sie hat sich für ihr eigenes, vermeintliches Versagen geschämt. Wenn ihr Kind drogensüchtig wird, dann kann das nichts anderes bedeuten, als dass sie als Mutter völlig versagt hat. Ein Gefühl, das auch ich ihr als Teenager ein ums andere Mal vermittelt hatte, und zwar so krass wie nur irgend möglich.
Viele Stunden habe ich in den vergangenen Monaten mit meiner Mutter in ihrer Küche gesessen, versucht, ihr zu erklären, dass sie keine Schuld trägt; ihr erklärt, dass ich heute weiß, dass sie ihr Bestes versucht hat; dass ich ihr dankbar bin, weil sie mich in all den Jahren nie fallen gelassen hat und immer für mich da war, wenn ich ihre Hilfe brauchte. Und dass der Krieg, den ich in meiner Jugend mit ihr geführt hatte, nur eine besonders heftige Art der Abgrenzung und des Protestes war.
Doch das Leid und die Ängste meiner Mutter saßen – und sitzen – tief. Sie sind über viele Jahre geschürt worden, vor allem eben auch von mir. So schnell lassen sie sich nicht besänftigen. Immer wieder besuchte ich meine Eltern, schickte ihnen fertige Kapitel, hoffte, dass sie zumindest einen Teil ihrer Angst ablegen konnten. Meine Mutter weigerte sich bis zum Schluss, diese Texte zu lesen.
Kurz bevor mein Manuskript in Druck ging, bin ich noch einmal ins Rheinland gefahren. Meine Mutter hatte noch immer Angst davor, meine Geschichte zu lesen. Also habe ich ihr daraus vorgelesen, mehrere Stunden lang. Danach hatte mein Buch zum ersten Mal ein klein wenig von seinem Schrecken für sie verloren. »Wenn du das Buch unbedingt unter deinem Namen veröffentlichen willst, dann tu das«, sagte sie mir. »Irgendwie werde ich damit schon zurechtkommen.«
Als sie im März die Einladung zu meiner Buchpräsentation bekam, spürte sie, dass es noch eine lange Zeit dauern wird, bis sie tatsächlich damit zurechtkommt. Als sie den Buchtitel auf der Einladung las, brach sie in Tränen aus. Lass mich die Nacht überleben stand da in großen Buchstaben, darunter der Name ihres Sohnes. Auch wenn das Buch von seinem Schrecken verloren hatte, die Erinnerung hat es nicht. Viele Jahre lang, erzählte sie mir, war ein ganz ähnlicher Satz ihr allnächtliches Stoßgebet gewesen – »Lieber Gott, lass ihn diese Nacht überleben«.
Plötzlich waren sie alle wieder da, diese Momente, in denen sie so sehr gelitten hatte. Mit brutaler Deutlichkeit standen ihr all diese Bilder vor Augen, der Tag, an dem sie einen Anruf aus Amsterdam bekam, wo ihr ältester Sohn, der eigentlich seine mündliche Abiturprüfung absolvieren sollte, im Gefängnis saß; der Tag, an dem der eigene Sohn ihr eine blutige Spritze entgegenstreckte und sie bat, ihm das Heroin zu injizieren, er treffe keine Vene mehr, und sie als Arzthelferin müsse doch wissen, wie so etwas geht. Die Erinnerung an Angst und Leid, die sie kaum ertragen konnte. Damals ging sie zu einem Therapeuten, doch der konnte ihr nicht helfen und auch sonst niemand. Also verbarg sie all das Leid in den hintersten Winkeln ihres Gedächtnisses. Von dort brachen sie jetzt wieder hervor, mit unverminderter Kraft.
Deshalb will Maria-Helene nicht über diesen Teil ihres Lebens reden. Sie kann es nicht. Die Erinnerung ist zu schmerzhaft, noch.
Trotzdem sagt sie: »Für dich ist dieses Buch wichtig, ich weiß, dass es für dich auch richtig war, deinen Namen darauf zu setzen.« Sie sagt: »Für mich ist es das Wichtigste, dass es dir gut geht.« Und sie sagt, dass sie langsam anfange zu begreifen, dass das Buch möglicherweise für sie ebenso wichtig sei. Weil die Erinnerung sie nur deshalb so quält, weil sie den Schmerz viele Jahre lang verdrängt hat und nie einen Weg fand, ihren Frieden mit der Vergangenheit zu schließen.
Ich hoffe sehr, dass es ihr jetzt gelingt. Denn obwohl ich mich in meinem Buch sehr bemüht habe, ehrlich zu sein und mich selbst nicht zu schonen, so ist es doch meine Mutter, die zurzeit wahren Mut beweist.
Für mich stellt dieses Buch nur einen weiteren Schritt dar auf einem Weg, den ich vor einigen Jahren eingeschlagen habe. Ein großer Schritt, zugegeben. Einer, der auch mir Angst macht, weil er mein Leben verändern wird, in welcher Weise auch immer. Meine Mutter stellt sich zum ersten Mal ihren schrecklichsten Erinnerungen und Albträumen, ihren größten Ängsten. Einer der schwierigsten Schritte, die ein Mensch machen kann, und einer der wichtigsten.

*»Lass mich die Nacht überleben. Mein Leben als Journalist und Junkie« von Jörg Böckem ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen. Die Widmung des Buches lautet: »Für meine Eltern«
© DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14